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Willigis Jäger

Interview mit Willigis Jäger anlässlich seines 90. Geburtstages

Lieber Willigis Jäger, Sie gelten als einer der einflussreichsten Mystiker der Gegenwart. Wie sind Sie zu dem geworden, was Sie heute sind? Hat von Anfang an alles darauf hingedeutet?

(lacht) Nicht ganz. Ich war ein normales Kind, bin mit sechs Geschwistern und vielen Altersgenossen aufgewachsen, war ständig draußen unterwegs, habe sehr gern Fußball gespielt – übrigens auch später noch im Kloster, dann zum Beispiel mit Anselm Grün. Ich habe zusammen mit meinen Kameraden auch viel Unsinn gemacht, wie das als Kind eben so ist. Aber es war auch so, dass ich mich schon früh für religiöse Dinge interessiert habe. Man betitelte mich als „frech und fromm“. Ich kann mich an Erfahrungen erinnern, die ich heute im Nachhinein mystisch nennen würde, bei denen ich noch nicht in der Schule war; Erfahrungen von veränderten Zuständen, in denen ich plötzlich das Gefühl hatte, etwas vollkommen Wirkliches zu erleben. Nicht mehr ICH kam darin vor, sondern ein merkwürdiges ES, und ich schaute staunend dabei zu.

 

Sie sind 1925 geboren, in der schwierigen Zeit zwischen den Weltkriegen …

Ja, aber meine Kindheit war trotzdem glücklich. Ich fühlte mich in Hösbach bei Aschaffenburg, wo ich geboren wurde, gut aufgehoben und daheim. Aber dann kam der nächste Krieg, in den ich als 18-Jähriger im Januar 43 eingezogen wurde. Es war eine schlimme Zeit, die ich im Grunde nur zufällig überlebt habe, weil ich zum richtigen Zeitpunkt nicht in der Feuerlinie lag wie vier Fünftel meiner Einheit, die an einem einzigen Tag umkamen. Ich selbst erhielt einen Lungensteckschuss, kam ins Lazarett, und damit war der Krieg für mich im März 45 zum Glück aus.

 

Sie haben also den Tod hautnah, buchstäblich am eigenen Leib erfahren, kann man sagen. Wie hat Sie das geprägt?

Die Frage „Wozu bin ich hier auf dieser Erde, warum lebe ich?“ hat sich mir dadurch ganz eindringlich gestellt. Sie hat mich bewegt und bewegt mich auch heute noch. Was sollen wir als Menschen auf diesem Staubkorn am Rande der Milchstraße unter all diesen Milliarden von Galaxien? Das ist die Frage, der wir Menschen uns stellen müssen.

 

Aber wie findet man eine Antwort auf diese Frage? Wie fanden Sie Antworten?

Ich war damals mit Eifer auf der Suche und bin gleich nach dem Krieg ins Benediktinerkloster Münsterschwarzach eingetreten. Im Noviziat lernte ich dann die christlichen Mystiker näher kennen, Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila, Die Wolke des Nichtwissens und andere, die glücklicherweise in der Klosterbibliothek standen. Außer mir hat das vermutlich kein Mensch gelesen. Mit großer Ausdauer und Hartnäckigkeit habe ich sie studiert und ihre Kontemplationswege erprobt. Immer wieder habe ich dabei mystische Erfahrungen gemacht, Erfahrungen des „Ganz-Anderen“, von dem schon Thomas von Aquin spricht. Das Problem war nur, dass ich keinen richtigen Ansprechpartner dafür hatte. Es gab keine spirituellen Lehrer, die mir hätten weiterhelfen können.

 

Sie sind dann selber einer geworden. Aber wie ging das: vom Suchenden zum Lehrenden?

Auch durch Glück. Ich war schon immer umtriebig, hatte gern mit Menschen zu tun und reiste viel. 1964 war ich Mitbegründer der ökumenischen Aktion „Missio“, und in diesem Zusammenhang bin ich viel herumgekommen, unter anderem in den 60ern auch nach Japan. Dort bin ich auf Zen gestoßen. Ich begegnete außerdem Hugo M. Enomiya-Lasalle, der als Jesuit zwischen Christentum und Zen vermittelte. Die Begegnungen mit ihm haben mich darin bestärkt, den Weg des Zen zu gehen, ohne zu fürchten, dass das mit dem Christentum nicht vereinbar wäre. Zen ist zwar aus dem Buddhismus hervorgegangen, ist aber ein meditativer Weg ohne Dogmen und deshalb offen für jeden Suchenden. Ich wurde ab 1972 Zen-Schüler von Yamada Ko-un Roshi, er hat mich 1980 zum Zen-Lehrer seiner Zen-Linie ernannt, und sein Nachfolger Kubota Roshi hat mir 1996 die volle Lehrbefähigung eines Zen-Meisters übertragen.

 

Als Zen-Meister ist Ihr Name „Kyo-un Roshi“.

Ja, Kyo-un heißt „Leere Wolke“. So heißt auch die Zen-Linie, die ich später, 2009, gegründet habe. Und die Kontemplationslinie, die 2012 folgte, heißt „Wolke des Nichtwissens“. Das ist der Titel eines mystischen Textes, der mich stark beeinflusst hat.

 

Sie haben von 1983 bis 2001 ein Meditationszentrum in Würzburg geleitet, das großen Zulauf erfuhr. Das gilt sogar noch mehr für den „Benediktushof“ in Holzkirchen, der sich seit seiner Gründung im Jahr 2003 zu einem der größten spirituellen Zentren Europas entwickelt hat, mit 35.000 Gästen pro Jahr. Glauben Sie, dass Sie mit Ihrem Angebot, gerade mit der Verbindung von östlichen Wegen wie Zen und westlichen wie christlicher Kontemplation, bei heutigen Menschen einen Nerv treffen?

Ich glaube schon. Wir leben in einer Zeit, in der wir als Menschen an einem Scheideweg stehen. Wir haben alle technischen Fähigkeiten, um unseren Planeten mehrfach zu zerstören. Was wir mit unseren Fähigkeiten anfangen sollen, wissen wir nicht. Wir stecken in einem Egotunnel, in dem sich alles nur um uns selber dreht, um das, was ich mir in den Kopf setze, was ich haben will, was mir nützt. Wenn wir so weitermachen, werden wir als Spezies nicht überleben. Es ist Zeit, dass unser Bewusstsein die nächste Stufe ersteigt. Von einem tierischen und urmenschlichen Bewusstsein haben wir uns heute bis zu einem personalen Bewusstsein entwickelt. Nun müssen wir in den transpersonalen Bereich aufsteigen, in dem nicht mehr unser kleines Ego das Wort führt.

 

Wie hängen dieses Ego und Spiritualität für Sie zusammen?

Für die Spiritualität ist das Ego kein Feind, Egolosigkeit heißt ja nicht: Man muss das Ego abschaffen! Das Ego hat ja seine Aufgaben, beim Planen zum Beispiel. Aber es ist nicht der Herr im Haus, sondern nur ein Hausmeister, der sich leider gern als Hausherr aufspielt. In der Spiritualität geht es darum, zu erfahren, dass ein zeitloses Geschehen vor sich geht, von dem ich ein Teil bin, ein Tanz Gottes, in dem ich ein Tanzschritt bin. In der mystischen Erfahrung erlebe ich mich als eins mit dem Seinsgrund.

 

Kann man diese Erfahrung denn vermitteln?

Erfahrungen muss doch jeder selbst machen. Natürlich. Aber man kann Wege in diese Erfahrung vermitteln. Die mystischen Traditionen sämtlicher Religionen sind voll von solchen Wegen, und sie führen am Ende alle zum selben Ziel. So unterschiedlich die Religionen sind, an diesem Punkt treffen sie sich alle. Sie sind wie bunte Kirchenfenster, die dasselbe Sonnenlicht in unterschiedlichen Farben hereinlassen. Der Benediktushof bietet eine Vielzahl von solchen Wegen an, aus unterschiedlichsten Kontexten. Wahre Religion kennt keine Grenzen, es gibt nicht „meine“ und „deine“ Religion. Der Seinsgrund ist immer ein und derselbe. Deshalb ist der Benediktushof überreligiös und überkonfessionell, hierher kommen Menschen mit oder ohne Glaubenshintergrund, aus unterschiedlichsten Motiven. Aber alle suchen nach der Erfahrung der Wirklichkeit, und Wege dorthin werden am Benediktushof gelehrt.

 

Willigis Jäger, 90 Jahre sind ein gesegnetes Alter. Denken Sie nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen?

Ich trete ja schon kürzer. Doris Zölls, Alexander Poraj und Fernand Braun haben die spirituelle Leitung des Benediktushofs übernommen und führen die Arbeit fort. Alt werden ist auch eine Lebensaufgabe, wie auch das Sterben. Es ist die Vollendung der Geburt. Die Form, die ich vor 90 Jahren angenommen habe, löst sich irgendwann wieder auf und sinkt zurück in den Ozean des Daseins, von dem sie niemals getrennt ist, wie die Welle niemals vom Meer getrennt ist.

 

Vielen Dank für dieses Gespräch!